„Für Damen unentbehrlich“ - Der vielsagende Grinser
Ein Werbeplakat aus dem Jahre 1924 für das Desinfektionsmittel Lysoform. (1)
Der Berliner Apotheker Hans Rosemann führte 1900 das Desinfektionsmittel Lysoform ein, eine flüssige Seife, die Formaldehyd enthielt. Eine Werbeeinschaltung pries es an: „In dem Lysoform wird dem Publikum zum ersten Male ein Mittel geboten, welches, obwohl sicher bakterientötend und Ansteckungsstoffe vernichtend, für den Menschen so gut wie ungiftig ist, welches man überall ohne ärztliche Verordnung billig erhalten kann …“ (2)
Empfohlen wurde Lysoform beispielsweise bei Insektenstichen und Schlangenbissen, zur täglichen Mundspülung und Zahnpflege, zum Baden der Haustiere, zum Auswischen von Eishäusern und Speisekammern, für das regelmäßige Aufwischen der Fußböden etc. etc. – mit einem Wort: „Die Hausfrau sollte dafür Sorge tragen, daß eine Flasche Lysoform stets auch in gesunden Tagen im Hause gehalten wird.“
Frau und Mutter, 2. Juliheft, 1963
Doch warum hält der vielsagend grinsende Mann Lysoform für ‚Damen‘ unentbehrlich und nicht für ‚Hausfrauen‘? Also schauen wir weiter in der Liste empfohlener Anwendungen: Hebammen sollen Lysoform in der Geburtshilfe anwenden. An letzter Stelle wird schließlich noch die Anwendung einer halb- bis einprozentigen lauwarmen Lysoformlösung zur Scheidenspülung empfohlen. „Es hebt den unangenehmen Geruch nach der Menstruation auf und schützt vor Unterleibsansteckungen. Es ist mit einem Wort das herrschende Mittel der intimen Frauentoilette und dürfte bei keiner Dame fehlen.“
Inserate für Lysoform, für Lysol und für Seife finden sich beispielsweise in den 1940er und 1950er-Jahren regelmäßig in Frauenzeitschriften, etwa in der österreichischen Monatszeitschrift „Die Frau und Mutter“. Sie trug den Nebentitel Zeitschrift für Kinderpflege und Erziehung sowie für Gesundheit in Haus und Familie. Dort wurde „das angenehm riechende antiseptische Kosmetikum und Desinfektionmittel“ beworben. Der Nachsatz „Für die intime Damentoilette“ löst noch nicht unbedingt ein Aha-Erlebnis aus.
Frau und Mutter, 38. Jg., Heft 6, 1949
Die Berührungspunkte zum Thema ›Sex‹ erschließen sich nur den Wissenden: Die Inserate für Seife werben indirekt für den Einsatz als Verhütungsmittel (per Spülung unmittelbar nach dem Geschlechtsverkehr), vor allem aber für die Verwendung als Abtreibungsmittel. Auch die Desinfektions- und Reinigungsmittel ‚Lysol‘ und ‚Lysoform‘ wurden in verdünnter Form als Spülung eingesetzt, um die Spermien abzutöten. Die Anwendung verursachte in der Scheide Entzündungen, eventuell sogar Verbrennungen. Auch beim Auskochen von Kathetern oder anderen Abtreibungs-Instrumenten setzten die sehr sorgsam arbeitenden AbtreiberInnen häufig Lysoform als Desinfektionsmittel zu. (3)
1) Wienbibliothek im Rathhaus, Sign.: P-20951, https://plakatstudio.wienbibliothek.at/#/posters/AC10529692
2) Bettauers Wochenschrift 1925, 8, S 20.
3) S. Köchl: "Delikt Abtreibung – Frauenarmut, ungewollte Schwangerschaften und illegale Abbrüche", 2024, 45 sowie 86.
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