Das bunte Leben der Antibabypille
Von praktisch über schön bis kostenoptimiert.
Die Pillensammlung des MUVS ist wahrscheinlich die größte der Welt. Wer seinen Blick darüber schweifen lässt, erkennt neben der Anleitung zur richtigen und regelmäßigen Einnahme weitere Ziele der Gestaltung: Tarnung, Wertschätzung, Idealisierung und vielleicht noch ein Schuss purer Gestaltungsfreude. Dabei handelt es sich nicht um Spielereien, sondern um sinnvolle Maßnahmen, der Konsumentin Wertigkeit und Akzeptanz zu signalisieren, die regelmäßige Einnahme zu fördern und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.
Die ersten Pillen kamen lose in braunen Glasfläschchen auf den Markt. So fragte sich die Frau ständig - oder wurde vom Partner gelöchert „Habe ich/hast Du heute schon die Pille genommen?“.
Um sich und ihr die ewige Fragerei zu ersparen, zeichnete D. P. Wagner aus Illinois einen Kalender auf ein Blatt Papier und legte auf jedes Feld eine Pille. Fünf Tage lang funktionierte seine Idee großartig, doch dann wehte ein Luftzug die Konstruktion zu Boden. Wagner war ein Tüftler und nicht von ungefähr Produktionsingenieur einer Werkzeugfirma. So machte er sich daran, ein neues System zu entwickeln. Sein Dispenser kam unter dem Namen Dialpak (1) auf den Markt und erleichterte die richtige und regelmäßige Einnahme der Pille.
Diese funktionelle Verbesserung befreite die Pille aus der häuslichen Abgeschiedenheit. Nun konnte sie in der Handtasche mitgeführt werden, war dort aber auch unbefugten Augen preisgegeben. Um das zu verhindern, schlug Pillenentwickler John Rock, Gynäkologie-Professor an der Harvard Medical School vor, die drehbare Scheibe in einer unverdächtigen Puderdose zu verstecken.
In der Folge kam eine Reihe kleiner Kunstwerke auf den Markt - in chemischer wie auch in designtechnischer Hinsicht. Viele Packungen aus den 1970ern sind eine wahre Augenweide! Elegant gestaltet, geschmackvoll, liebevoll designed, aufwändig produziert, edlen Puderdosen nachempfunden, kleine Kostbarkeiten eben.
Die optische Gestaltung der Verpackungen nimmt Rücksicht auf kulturelle Gewohnheiten und Erwartungen: Mitteleuropa stellt sich farblich und grafisch wesentlich nüchterner dar als Länder Asiens und Südamerikas.
Heute ist die Pille schon lange nicht mehr das Ziel weiblicher Sehnsüchte, Flagge der Emanzipation, Symbol für ein selbstbestimmtes Leben. Wahrscheinlich zeigen nicht einmal mehr sehr junge Mädchen stolz ihre Pille im Kreis ihrer Freundinnen herum, zum Zeichen, dass sie nun erwachsen sind.
Da nützt es auch nicht viel, dass das moderne Pharmamarketing aus der Pille eine beste Freundin machen will - zumindest hinsichtlich der Produktnamen. Die Verpackung moderner Pillen signalisiert hingegen blanke Ernsthaftigkeit: Bloß nichts Verspieltes oder gar Emotionales, denn Arzneimittelsicherheit einerseits und Kostenoptimierung in der Produktion sind wichtig.
Wie geht es weiter: Bluten oder nicht bluten?
Heute ist die Pille das meistverwendete Präparat mit weltweit schätzungsweise 60 bis 80 Millionen regelmäßigen Anwenderinnen, doch gehen die Zahlen in den letzten 15 Jahren etwas zurück.
Die monatliche Regelblutung, wie sie von der Pille nachgeahmt wird, ist für die verhütende Wirkung in Wahrheit nicht erforderlich, wurde aber aus strategischen Gründen eingeführt. Damit sollte die Idee der ‚hormonellen Nachahmung der Natur’ deutlich gemacht und die soziale Akzeptanz der Verhütung mittels Pille gewährleistet werden. Diese Strategie hat sich bewährt und die Pille hat sich trotz massiver Widerstände durchgesetzt. Allerdings wird die Fiktion auch heute noch – mehr als 60 Jahre später – aufrechterhalten, nach drei Wochen Pille wäre eine Woche Pause für die Menstruationsblutung notwendig. Das ist medizinisch falsch, denn wer die Pille nimmt, hat eben keinen Monats-Zyklus und folglich auch keine Menstruation. Sehr viele Frauen leiden unter der imitierten monatlichen Blutung und haben vielerlei Beschwerden, beispielsweise Schmerzen, aber auch den weitverbreiteten Eisenmangel. Dazu kommt, dass diese einwöchige Blutung die ansonsten fast 100prozentige Wirksamkeit der Pille stark reduziert, wodurch es zu Verhütungsversagern kommen kann.
Abhilfe schafft der sog. Langzyklus: Bei der neuen 3-Monatspille oder der kontinuierlichen Einnahme einer konventionellen Kombinations-Pille gibt es nach den 21 Tagen keine 7tägige Pause – wie bei dem „normalen” Pillenschema, wo dann eine Blutung eintritt - sondern die Pilleneinnahme wird fortgesetzt. Daher kommt es nicht zum Abfall des Hormonspiegels und somit gibt es auch keine Entzugs-Blutung. Der Langzyklus hat – ebenso wie die „normale” Pillenanwendung – keinerlei Auswirkungen auf die spätere Fruchtbarkeit. Da es im Körper keine memory-Funktion der Fruchtbarkeit gibt, hat eine Verhütung oder Nicht-Verhütung in der Vergangenheit keine Auswirkungen auf die Zukunft.
1) https://tenthingsthepill.weebly.com/design-packaging.html
Mitglied beim Museumsbund Österreich
Träger des Österreichischen Museumsgütesiegels
Unterstützt von der European Society of Contraception and Reproductive Health
Nominiert für den EMYA 2010 European Museum of the Year Award, Erster Preisträger des Kenneth Hudson Award der Trustees of the European Museum Forum
Aufgenommen in den 'Excellence Club - The Best in Heritage'
Partner bei "Hunger auf Kunst und Kultur"
Vorteilspartner bei "Club Wien"