Schenk mir diese eine Nacht ….
Der Herbst ist da, die Nächte werden länger und kuscheliger. Österreichs Statistiken zeigen in manchen Jahren besonders viele Geburten im Spätsommer und Frühherbst. Das deutet auf entsprechend viele Zeugungen im Spätherbst und Winter hin. Das steirische Schlagerduo Charly (*1955) und Jogl (*1958) Brunner verpackte das im Jahr 1993 in einen ihrer Songs:
„Tun wir / Was uns glücklich macht / leg' Dich einfach her zu mir /
Schenk mir diese eine Nacht / lass' uns einfach zärtlich sein /
Und wenn's passiert schlaf' ich in Deinen Armen ein
Spuren einer langen Nacht tun auch manchmal weh /
Doch wir dürfen nichts bereu'n
Wenn ich morgens geh'[1]
Es wäre vielleicht gut, in diesem Fall vorher über Verhütungsmöglichkeiten nachzudenken und/oder sich aus der Apotheke die rezeptfreie „Pille danach“ auf Vorrat zu besorgen. Auch das rechtzeitige (=innerhalb von max. 120 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr) Einsetzen einer „Spirale danach“ (Kupferspirale) in einer gynäkologischen Praxis kann eine ungewollte Schwangerschaft verhindern.
Wie es früher gehandhabt wurde, zeigt ein altes Kinder- und Brautlied aus dem 19. Jahrhundert:
„Rosmarin und Thymian wächst in unserm Garten,
Unser Gretchen ist die Braut, kann nicht länger warten.
Roter Wein und weißer Wein,
Morgen soll die Hochzeit sein.
Petersilie, Suppenkraut wächst in unserm Garten,
Mutter gib mir einen Mann, ich kann nicht länger warten“.
Rosmarin, Thymian, Petersilie und Suppenkraut wurden als Verhütungsmittel eingesetzt. Sie wurden von den Hebammen an die Frauen weitergegeben oder von diesen im eigenen Garten angepflanzt. Die Anwendung war offensichtlich lange Zeit bekannt, denn in dem Hinweis ‚roter Wein’, ‚weißer Wein’ geht es um den Zeitpunkt der Menstruation und der Tage danach. Den aufgezählten Pflanzen wird nachgesagt, dass ihre starken ätherischen Öle eine Befruchtung verhindern. Ebenso erfahren wir aus dem Kinderreim, dass sehr wohl auch junge, unverheiratete Mädchen Verhütung praktizieren, um ihre Sexualität mit Männern zu leben.[2]
Ein anderes Beispiel: Schnaderhüpfel sind kurze, meist vierzeilige Volkslieder, die besonders in Österreich und Bayern verbreitet sind/waren. Die Sammlung ‚Das Minnelied des deutschen Land- und Stadtvolkes‘ (1929) enthält mehr als 1.000 Schnaderhüpfel. Darin gibt es sogar eine eigene Themenkategorie mit der Bezeichnung ‚Zeugung, Schwangerschaft, Verhütung der Empfängnis‘.
Nicht alle Formulierungen entsprechen noch unserem heutigen Sprachgebrauch. Man kann auch ChatGTP anheuern, uns Beispiele zu präsentieren, deren Aufbau dem historischen Muster entspricht, deren Wording aber für uns leichter verständlich ist. Etwa so:
Das Aufpassen
„Da Hansl hat g’sagt / er passt eh guat auf.
Jetzt steht vor da Haustür / a Kinderwagl drauf.“
Die Vorsicht
„Mei Dirndl, des sogt ma / „Sei gscheit, lieber Bua!
Wennst net aufpassn kannst / dann lass mi in Ruah!“
Die Folgen
„Da Seppl hat g’meint / es kann nix passiern.
Jetzt muaß er im Frühjahr / sei Kind spaziernführn.“
In unseren Museums-Workshops fragen die Vermittlerinnen manchmal die Jugendlichen, wie viele Kinder sie für „natürlich/naturgewollt" halten. Die Antworten erstaunen, denn häufig antworten sie „2 bis 3". Na gut, deshalb veranstalten wir ja diese Führungen und Workshops, um Wissen zu vermitteln. Tatsächlich wären es durchschnittlich 15 Schwangerschaften pro Frauenleben. Daraus folgen rund zehn Geburten, je nach Gesundheitszustand, Wohn- und Hygieneverhältnissen, Zugang zu sauberem Trinkwasser und energiereicher Nahrung etc. Von den etwa 10 Geburten haben früher rund sieben Kinder überlebt. Das ist den meisten Menschen aus wirtschaftlichen, sozialen oder anderen Gründen aber zu viel, früher wie heute.
[1] https://www.songtexte.com/songtext/brunner-and-brunner/schenk-mir-diese-eine-nacht-1b42cd4c.html
[2] Anke Wolf-Graaf: Die verborgene Geschichte der Frauenarbeit, 1983
