Walter Hohlweg (1902-1992)
„Erfolg hat viele Väter (und Mütter)“, sagt ein Sprichwort. Aber wer von ihnen schafft es letztlich ins Rampenlicht und wer gerät in Vergessenheit? Die Entwicklung der Pille ist dafür ein Paradebeispiel: Wer kennt noch Walter Hohlweg (1902-1992)? Eine neue MUVS-Broschüre stellt ihn vor.
Ausgerechnet das Bergsteigen bestimmte Walter Hohlwegs Karriere: Beim Kraxeln auf den Großglockner schloss er Freundschaft mit einem Bergkameraden. Der erzählte ihm, dass Eugen Steinach, der Pionier der Sexualendokrinologie, einen interessierten Chemiker für Isolierungsarbeiten suchte. „Hohlweg, der sich für physiologische Chemie sehr interessierte und auch Vorlesungen an der medizinischen Fakultät gehört hatte, ging sofort zu Steinach und wurde als Assistent eingestellt.“
Auch Eugen Steinach (1861–1944) zählt zu den heute wenig bekannten österreichischen Wissenschaftern, auf deren Forschungen die Entwicklung der Antibabypille basierte. Ab 1912 war er Vorstand der physiologischen Abteilung an der Biologischen Versuchsanstalt der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien. Gemeinsam mit anderen Forschern gelang ihm die chemische Strukturanalyse der Sexualhormone, wodurch 1938 das erste synthetische Hormonpräparat hergestellt werden konnte. Zwischen 1921 und 1938 wurde er elfmal für den Nobelpreis vorgeschlagen, erhielt ihn allerdings nie.
Als Assistent von Steinach lernte Hohlweg, wie Hormonextrakte gereinigt, isoliert und standardisiert werden, etwa das Follikelhormon aus Rinderplazenta und aus dem Harn schwangerer Frauen. Das Ziel der Hormonforscher war nicht nur die Entdeckung und das Verständnis von Hormonen, sondern auch ihre chemische Herstellung für die Anwendung in der Medizin. Beispielsweise war eine halbe Tonne Eierstöcke von Schweinen notwendig, um 30 Mikrogramm Östrogen herzustellen – heute die Dosis einer einzigen Pille.
Von der Wiener Akademie der Wissenschaften ging Hohlwegs Weg weiter zur Pharmafirma Schering in Berlin. Bereits nach 2 Jahren wurde er dort Leiter der Abteilung für Hormonforschung, die er ausbauen und mit den modernsten Apparaturen ausstatten konnte. Das Ziel war einerseits Grundlagenforschung, andererseits die Entwicklung neuer, besser wirksamer Hormonpräparate für den klinischen Gebrauch.
Vom Westen in den Osten – und zurück nach Österreich
Als der 2. Weltkrieg ausbrach (September 1939) und in den ersten Kriegsjahren konnten die Arbeiten im Schering-Hauptlabor relativ ungestört weiterlaufen. Ende 1942 wurde Hohlweg zwar zur Wehrmacht einberufen, jedoch wie viele seiner Kollegen nach wenigen Monaten wieder entlassen, um die wichtigen Forschungen fortsetzen zu können „zum Aufbau der Deutschen Wissenschaft nach dem
Endsieg“. Doch nach dem Zusammenbruch Deutschlands (Mai 1945) setzte Schering sein Dienstverhältnis aus, denn Bombenangriffe hatten seine bisherige Wirkungsstätte in Schutt und Asche gelegt. Zum Glück erhielt er im Herbst 1945 in Ostberlin den Posten als Leiter des endokrinologischen Labors an der Universitäts-Frauenklinik der Charité, eine der größten Universitätskliniken Europas. Die Arbeitsmöglichkeiten waren nach seinen eigenen Worten „verhältnismäßig recht gut“, die Lebenssituation in der DDR hingegen „immer unerträglicher“. Seine Kinder hatte er deshalb im westlichen Teil der Stadt zur Schule geschickt, was eigentlich verboten war. Nach dem Bau der Mauer 1961 verließ Hohlweg mit seiner Familie Berlin und übersiedelte nach Graz, wo er bis zu seinem Ruhestand 1973 Leiter des Hormonlabors an der Universitäts-Frauenklinik war.
Was macht eine Forscherpersönlichkeit aus?
Visionen, Ehrgeiz, Hartnäckigkeit und Ausdauer sind die wesentlichen Eigenschaften, die Hohlwegs Leben charakterisieren. Noch besser als in seinen sachlichen Forschungsberichten lassen sich diese Eigenschaften in seiner Bergsteigerei nachzeichnen: 1957 landete er nach einem Sturz am Wilden Kaiser mit gelähmtem linken Arm und schwerem Crush-Syndrom für längere Zeit im Spital: „Vor der Entlassung prüfte ein Dozent, ob die Nerven im gelähmten Arm noch Spuren einer Reaktion zeigten. Ich fragte ihn: ‚Wird der Arm bald wieder heil? Werde ich wieder klettern können?‘ Er schüttelte den Kopf und sagte: ‚Unheilbar, völlig unheilbar.‘ ‚Der Arm ist unheilbar?‘, sagte ich erschrocken und er darauf: ‚Der Arm nicht, aber Sie Herr Professor!‘. Er hatte recht, denn ein Jahr später war der Arm fast voll gebrauchsfähig“, und Hohlweg wieder auf schwierigsten Routen am Wilden Kaiser unterwegs.
Hohlweg hatte rund 200 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht, die auch zu zahlreichen Patenterteilungen führten, doch sind Wettbewerb und Neid auch unter Forschern nicht unbekannt.
Hohlweg hatte zwei Probleme: Zum einen versuchten tatsächlich andere Forscher, seine Erfolge zu ‚stehlen‘, zum anderen erlebte er das Schicksal aller Forscher: Auch seine Forschung baute auf Erkenntnisse seiner Vorgänger auf. Frühere Forschungsergebnisse regen zu neuen Ideen an, Lücken werden erkannt, Ergebnisse werden weiterentwickelt und schaffen schließlich den Durchbruch. Im konkreten Fall bestand das Problem darin, dass alle damals bekannten Hormone von der Magensäure zerstört und in der Leber sehr schnell abgebaut wurden, somit oral gegeben nicht wirksam waren. Hohlweg und Mitarbeiter entwickelten im Jahr 1938 jedoch die Sexualhormone Östradiol und Testosteron, die säureresistent waren und nur langsam abgebaut und deshalb oral wirksam waren.
Darauf und auf den Erkenntnissen weiterer – österreichischer – Forscher (Ludwig Haberlandt, 1885–1932; Otto Otfried Fellner, 1873–1942) baute schließlich Carl Djerassi (1923–2015) auf, der sich selbst gerne als Mutter der Pille bezeichnete. Doch auch dessen Ergebnisse wurden von anderen Forschern weiterentwickelt, was 1960 zur Einführung der Antibabypillen Enovid in den USA und Anovlar in Westdeutschland führte sowie Ovosiston in der DDR.
Die Markteinführung war ein wichtiger erster Schritt. Aber es geht auch um die religiöse/weltanschauliche Akzeptanz, um Erwartungen, Ängste, Werte, Lebensgewohnheiten, um die Kooperation der Ärzte- und Apothekerschaft, um mediale Signale, um die Ansprechbarkeit der Frauen und ihrer Partner etc. Neue Erkenntnisse kommen dazu und verändern das Bild.
Im zweiten Teil der Broschüre zeigen wir ein paar herausragende Beispiele aus unserer Pillensammlung - wahrscheinlich der größten der Welt. Und schließlich werfen wir einen Blick in die Zukunft: Bluten oder nicht bluten? Warum wurde der künstliche 28tägige Monatszyklus mit drei Wochen Pilleneinnahme und einer Woche Pause überhaupt eingeführt und was ist die moderne Alternative?